1.8. Die heutige Dorfkirche
1.8.1.Wehranlage und Torturm     

Das Ortsbild des Dorfes wird durch die beiden Türme geprägt, die als Kirchturm und Torturm zur umwehrten Kirchenanlage gehören, von denen es im mittleren Werragebiet herausragende Beispiele gibt. So in Leutersdorf, Vachdorf, Belrieth, Einhausen, Obermaßfeld, Walldorf und Herpf. Diese Wehranlagen waren in der Mehrzahl bäuerliche Befestigungen, die in den Zeiten ständiger Fehden zwischen dem Stift Würzburg und der Grafschaft Henneberg sowie der Machtkämpfe des Adels zur Verteidigung und zum Schutz von Menschen, Vieh und Vorräten dienten. Die Anlagen hatten im 14. und 15. Jh. ihre größte Bedeutung.48)

Die fast kreisförmige Wehranlage  in Rohr basiert auf älteren Mauerteilen. Ob sie schon zur Bauzeit als Wehranlage gedacht war, oder nur der Umfriedung des Kirchhofes diente, in dem Asylrecht gewährt wurde, vermögen wir heute nicht mehr zu sagen. „Die Umwehrung kennzeichnet im Mittelalter (unter anderem auch) den Burgfrieden. Wollte die Kirche also Asylrecht, den kirchlichen Burgfrieden nach außen durchsetzen und dokumentieren, musste der Kirchhof ebenfalls umfriedet sein.49) Auf Grund des gleichen Baumaterials im unteren Mauerbereich und ursprünglichen Torhaus mit seinen Kämpfern wird die Bauzeit in das späte 12. oder frühe 13. Jh. datiert. Erst später, vermutlich im Laufe des 15. Jh., wurde die Mauer aufgestockt, auf eine Höhe von fast 6 m gebracht und somit zur Wehrmauer umfunktioniert. Der noch heute erkennbare Wehrgang war vermutlich durch eine Bohlenkonstruktion verbreitert, so dass sich zwei Männer ungehindert begegnen konnten.50)  Im oberen Absatz der erhöhten Wehrmauer waren Maulscharten eingelassen. Sie bilden einen waagerechten Schlitz, der für Handfeuerwaffen, besonders die Hakenbüchse, geeignet war. Der Gebrauch von Büchsen in Deutschland ist erst ab 1346 nachweisbar.51) Von daher gesehen kann die Erhöhung der Mauer nicht vor Mitte des 14. Jh. zurückdatiert werden. Für den Gebrauch der älteren Armbrust dienten senkrechte Schlitzscharten, die aber nicht in Rohr, wohl aber in Belrieth, Einhausen, Herpf und anderen Orten des Werragebietes zu finden sind. Die Bevölkerung flüchtete sich bei Gefahr in diesen umwehrten Kirchhof, und die waffenkundigen Männer des Dorfes versuchten vom Wehrgang aus die Bevölkerung und ihre bewegliche Habe zu verteidigen. Nach einer Henneberger Untersuchung von 1573 gab es in der Grafschaft 9 700 waffentragende Männer. Die Ausrüstung in Rohr bestand aus 31 Feuerwaffen, 56 Spießen und zwei Bindäxten.52) Innerhalb der Wehranlage, an die Wehrmauer angelehnt, befanden sich die „Gaden“. Das sind kleine Scheunen aus Fachwerk gebaut, oft mit einem Keller versehen. Jede Familie hatte das Recht, einen solchen Gaden auf dem Kirchhof zu errichten. In Herpf werden solche Gaden noch heute genutzt und die Keller gelten als die besten des Dorfes.53) Die Rohrer Gaden wurden nach und nach abgebrochen, weil innerhalb der Wehranlage der Friedhof eingerichtet wurde. Ursprünglich fanden die Erdbestattungen wohl außerhalb des Dorfes statt, worauf noch heute die Flurbezeichnung  „Leichenberg“ hinweisen mag. Spätestens von der zweiten Hälfte des 16. Jh. an wurde der Bezirk innerhalb der Wehrmauer als Friedhof des Dorfes genutzt. Darauf weist auch ein Beinhaus an der Kirche hin, das in den Kirchenrechnungen des 16. und 17. Jh. Erwähnung findet. In diesem Haus wurden ausgegrabene Schädel und Knochen bewahrt, zumal das Friedhofsgelände durch die Wehrmauer begrenzt war und nach einer relativ kurzen Liegezeit die Grabstellen neu belegt wurden.

Die ältesten Grabsteine stammen aus der ersten Hälfte des 17. Jh. Dabei handelt es sich um eine Gruppe von zwölf Grab-Kreuzsteinen, die einen einheitlichen Typ erkennen lassen. Alle Stelen sind aus Kalkstein gefertigt und haben einen runden oberen Abschluß. Die Kreuzfelder sind von einem Blendbogen umschlossen, und alle Kreuze stehen auf dreieckigen Sockeln. Diese Grab-Kreuzsteine, zum größten Teil hinter dem Altar der Kirche sichergestellt, bilden den „zahlenmäßig größten Bestand seiner Art im deutschen Sprachraum.“54)

Aus der Einrichtung des Friedhofes innerhalb der Wehranlage darf man auch schließen, dass die „Kirchenburg“ als Zufluchtsort für die Bevölkerung keine Bedeutung mehr besaß. Die Befestigungsanlage war der moderner gewordenen Kriegstechnik nicht mehr gewachsen. Als im Verlauf des Dreißigjährigen Krieges drei Kompanien Kroaten im Oktober 1634 Quartier in Rohr nahmen, floh die Bevölkerung mit dem Vieh in die Wälder, in späteren Jahren in die Stadt Meiningen. Bot die Wehrmauer keinen Schutz mehr, so auch nicht der vorgelagerte Wallgraben, der ursprünglich die gesamte Anlage umschloß. Er war 8 Meter breit und 2 Meter tief. Spätestens beim Bau des zweiten Pfarrhauses im Jahre 1596 wurde ein Teil des Grabens zugeschüttet und nach und nach rings um die Wehrmauer aufgefüllt und in Gartenland verwandelt. Verbleiben noch heute sichtbar der Torturm und der vorgelagerte Zwinger, der freilich in seinem östlichen Teil beim Bau des dritten Pfarrhauses 1852 abgebrochen wurde. Im Zwinger wie auch im Torturm sind noch die steinernen Angelsteine zu sehen, in denen sich die Achsen der hölzernen Tore bewegten. Unter dem Torturm, der ursprünglich kleiner zu denken ist, befand sich der einzige Zugang zur umwehrten Kirche. In der heutigen Torwölbung sieht man noch deutlich das alte romanische Portal erhalten, das zum ursprünglichen Torhaus gehörte. Es war 3,33 m tief und fluchtete mit der Mauer. Zu erkennen sind noch die beiden Kämpfer und Sockel der ehemaligen Außenseite, die Rückschlüsse auf die Erbauungszeit im 12./13. Jh. zulassen. Noch heute bewegt sich in diesen Torturm ein zweiflügliches hölzernes Tor, der westliche Flügel mit Schlupftür versehen. Dieser alte Turm wurde 1629 um 2 m nach außen erweitert, so dass sich sein Grundriß dem Quadrat nähert. Auf dieses viereckige Unterteil setzte man den achteckigen Aufsatz mit Zwiebelhaube und offener Laterne. Die Bausumme betrug nach den Rechnungen von 1629 468 Gulden. Dieser neugestaltete Torturm diente keinen Verteidigungszwecken, sondern war ein ausgesprochener Repräsentationsbau. Im Jahre 1780 mußte der Turm repariert werden und erhielt eine neue Helmstange, die „zur Zierde der Laterne noch 1 ½  Schuh (ca. 45 cm) höher gebaut wurde, damit der Turm eine ansehnlichere Proportion erhalte.“ (Handelsbuch Rohr) Bereits 1707 war eine kleine Schlaguhr eingebaut worden, die 1892 durch die heutige, von Bernhard Saam aus Themar gefertigte Uhr, abgelöst wurde.

Im Jahre 1708 ist die 1,50 m hohe Mauer zwischen Torturm und Kirche aufgezogen worden, die den Friedhof vom Schulhof trennte. Maurer Hans Krech hat diese Arbeit für 25 Gulden ausgeführt. Der Durchbruch der Wehrmauer im Nordosten erfolgte 1933, als der Friedhof nach außen erweitert werden musste.

Innerhalb der Wehranlage wurde bereits 1589 ein Schulhaus gebaut, das dem Lehrer Michael König zugleich als Wohnung diente. Es war ein zweistöckiges Fachwerkgebäude und stand zwischen dem Torturm und der heutigen „Alten Schule“. Mit der Südseite ruhte es auf der Wehrmauer. Erst 1854 ist es abgebrochen worden, wodurch die Räume des neuen Schulhauses heller wurden. Dieses neue Schulgebäude ist in den Jahren 1697-1699 gebaut und vom Lehrer Valentin Herchenhahn aus Henneberg bezogen worden. Um 90 Grad gedreht ruht seine südliche Giebelwand ebenfalls auf der Wehrmauer. Bis 1970 besaß dieses schöne Fachwerkgebäude drei Klassenräume sowie die Wohnung des Lehrers und Kantors. Heute dient die „Alte Schule“ als Winterkirche, Ferienwohnung und Kirchenmuseum.


1.8.2.Das Kirchengebäude und seine baulichen Veränderungen

Die heutige Dorfkirche ist der letzte Teil der alten Klosteranlage, die in den Jahren zwischen 815-824 erbaut wurde. Diese Kirche hat heute freilich eine andere Gestalt. Bereits 1930 wurde durch Grabungen von Alfred Koch im Auftrag des Provinzialkonservators Hermann Giesau nachgewiesen, dass die ehemalige Klosterkirche einen kreuzförmigen Grundriß besaß. „Einem einschiffigen Langhaus von 8,25 m innerer Weite und 20,50 m Länge ist östlich ein mäßig ausladendes Querhaus von gleicher Breite und Länge wie das Langhaus vorgelagert. In gleicher Weite wie das Langhaus setzt auch die halbkreisförmige Koncha ohne Vermittlung eines Vorchores an das Querhaus an. Die Koncha ist rechteckig ummantelt. Über ihr erhob sich wohl von Anfang an ein Turm.55) Durch die Grabungen Kochs wurde außerdem im Westen ein rechteckiger Vorbau von etwa 4,00 x 4,00 m ermittelt. Dieser Raum diente als Eingangs- bzw. Vorhalle und im Obergeschoß evtl. als Oratorium (Kaiserloge), durch Arkaden zum Schiff hin geöffnet.56) In der Nordwand der Kirche sind noch vermauert sieben und in der Westwand drei ehemalige Obergadenfenster zu erkennen. 1962 wurden zwei davon wieder geöffnet, wobei das westliche Reste einer ursprünglichen Bemalung aufweist. Außerdem weist die Nordwand ein altes karolingisches Portal auf, dessen Kämpfer und Sockelprofile ebenfalls freigelegt wurden. Und nicht zuletzt ist es der große romanische Triumphbogen, in dem heute die Orgel steht, der erkennen lässt, dass das Kirchenschiff der heutigen Dorfkirche identisch ist mit dem Langhaus der ehemaligen Klosterkirche.
Die bisherige Vermutung, dass die Querhausarme bereits im 10. Jh. abgebrochen wurden, muß wohl korrigiert werden. Vermutlich hat das Klostergebäude den Ungarnsturm von 915 überstanden, wenngleich das Kloster einging und seine Bewohner, die Benediktiner-Mönche, Rohr verließen. Aus der Klosterkirche wurde die Pfalzkapelle in der Zeit der Sächsischen Könige des 10.Jh. Der Abbruch der Querhausarme erfolgte in der nachreformatorischen Zeit innerhalb einer nachweisbaren Bauperiode, die sich von 1569-1618 erstreckte. Die ältesten Baurechnungen, die im Pfarrarchiv liegen, stammen aus dem Jahre 1569. In diesem Jahr mauert ein Steinmetz aus Kühndorf vier Tage in der Kirche „an der Kluft“. Möglich dass mit diesen Arbeiten die Vermauerung der Treppenzugänge von der Krypta in die Querhäuser gemeint ist. Ebenfalls 1569 wurde der Altar vom Chorraum vorgesetzt. In der Rechnung von 1571 werden ein Simon Dill und ein Zeugmeister entlohnt, die den Turm abbrechen und neu aufbauen. 1581 wird die Sakristei gedeckt, 1585 Bauholz für die Kirche gekauft, 1586 der Westvorbau abgebrochen und der Giebel neu aufgemauert, 1586 der Chorraum mit Platten belegt und ein Taufstein aufgestellt. Die lateinische Umschrift besagt: Diesen Taufstein stiftete Johannes Lindt, Amtsvogt  (zu Kühndorf) und Mitglied des Siebenmännerrates im Sächsischen Haus. In zwei Feldern des Achtecks sind die Zeichen der Suhler Steinmetzen zu erkennen.
Diese bauliche Veränderungen erstreckten sich über den Zeitraum bis 1618, wo noch einmal stattliche Bausummen für die Kirche ausgegeben wurden. Drei Kassen finanzierten die Baukosten: die politische Gemeinde gab 577 Gulden, die Heiligenkasse (Kirchenkasse) 100 Gulden und die Hospitalkasse 421 Gulden. Leider sind die spezifierten Ausgabebelege nicht mehr vorhanden. Im Spitzbogen der westlichen Eingangstür steht die Jahreszahl 1618, dazu lesen wir im Kirchenbuch: „Im Jahre 1618 ist die Kirche in den gegenwärtigen Zustand gebracht worden, nachdem ziemlich viel abgebrochen wurde.“ In diesem Bauabschnitt ist wohl auch der Abbruch der Querhäuser zu vermuten. Denkbar ist auch, dass sie in der nachreformatorischen Zeit zunächst an ihrer offenen Stelle zugemauert und somit vom Kirchenschiff getrennt als Beinhaus und Siechenhaus separat genutzt wurden. In den Heiligenrechnungen finden wir diese Gebäude häufig erwähnt, z. B. 1569: „1 Gulden für ein Fenster in die Kirch oberm Beinhaus“, 1583: „18 Groschen für Schwertling und Nägel zum Siechenhäuslein an der Kirche“, 1588: „1 Gulden für 400 Ziegel aufs Beinhaus.“ Gesicherte Aussagen über diese beiden Gebäude an der Kirche sind erst nach archäologischen Untersuchungen möglich.

Aus dieser Bauzeit stammen auch die fünf Fenster in gotischer Form in der Süd- und Ostwand mit dem schönen Maßwerk und der Mittelrippe. Weiterhin wurde die Nordhälfte der Apsis abgebrochen und die Sakristei angebaut. Im Chorraum zog man ein Kreuzrippengewölbe ein, dessen Schlussstein ein sechsblättrige Rose mit je zwei Wappen trägt.



1.8.2.1. Hölzerne Kassettendecke

Eine besondere Zierde der großen Saalkirche ist die schöne Kassettendecke, die aus 260 Feldern besteht und in eigenwilliger Konstruktion am Dachstuhl aufgehängt ist. An den vier Ecken jedes Holzfeldes ist eine holzgedrechselte Rosette eingeleimt. Diese Decke, im Renaissancestil ausgeführt, entstand wohl auch im 16. Jh. Bei den Renovierungsarbeiten von 1962 wurden Reste einer alten Bemalung sichtbar, die biblische Gestalten, Engel und Bischöfe darstellen. Leider waren diese Tafelbilder so arg beschädigt, dass an eine Restaurierung nicht zu denken war und deshalb die bunte Ornamentmalerei der Barockzeit erneuert wurde.


1.8.2.2. Doppelemporen

Der Innenraum der heutigen Dorfkirche bekam wohl ebenfalls bis 1618 seine charakteristische Prägung durch den Einbau der Doppelemporen an der Nord- und Westwand. Zunächst wurden die karolingischen Obergadenfenster zugemauert und sodann die Emporen eingezogen. Geschwellte Rundsäulen tragen das reich gekehlte Gebälk, auf das sich die gleichartig gebildete Balustersäule der zweiten Empore aufsetzt. Aus den Kapitellen der zwölf Säulen ragen Köpfe mit Zwickelbärten und breiten Halskragen heraus, die als „Schwedenköpfe“ bezeichnet werden und König Gustav II. Adolf von Schweden darstellen, eine Zentralfigur des Dreißigjährigen Krieges. Ohne Zweifel sind diese Köpfe erst nach Beendigung des Krieges nachträglich angebracht worden. An der unteren Emporenbrüstung sind Reliefbilder in Holz geschnitzt, die Christus und die zwölf Apostel mit den bekannten Symbolen zeigen. Zwischen diesen geschnitzten Figuren sind in 13 Feldern mit 26 Bildern Szenen aus dem Leben Jesu von der Geburt bis zur Himmelfahrt auf Holz gemalt zu sehen. Die hölzernen Tafeln haben eine konstante Höhe von 60 cm und eine unterschiedliche Breite zwischen 53 und 73 cm. Die Bildüberschriften lauten: Die Geburt Christi, Die Beschneidung Christi, Die Offenbarung Christi, Die Weisen aus dem Morgenlande, Die Flucht nach Egypten, Christus lehrt im Tempel, Das Fußwaschen Christi, Das Abendmahl Christi, Christus am Oelberg, Christus wird gefangen, Christus steht vor Gericht, Christus wird verspottet, Christus steht vor Hannas, Christus steht vor Herodes, Christi Geißelung, Christus wird gekrönt, Sie legen ihm ein weißes Kleid an, Pilatus verurteilt Christus, Die Ausführung Christi, Christus wird ans Kreuz geschlagen, Christus stirbt am Kreuz, Christus wird vom Kreuz abgenommen, Die Grablegung Christi, Höllenfahrt Christi, Die Auferstehung Jesu Chr., Die Himmelfahrt Christi.



1.8.2.3. Flügelaltar

Dieser hölzerne Schrein stand ursprünglich auf der gekehlten steinernen Mensa des Altars, als die Kanzel noch an der Südseite des Kirchenschiffes hing. Er wurde 1620 in Auftrag gegeben und kostete 20 Gulden und 2 Groschen. Der Schrein hat eine Höhe von 1,60 m, die geöffneten Flügel weisen eine Spannweite von 2,70 m auf. Aufgeklappt wird in der Mitte eine Kreuzigungsszene vor dem Hintergrund einer Renaissancestadt sichtbar. Das Tafelbild trägt die Umschrift: „Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eigenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“ Desweiteren sind zu sehen und zu lesen: auf dem linken Flügel oben – Mose mit der erhöhten Schlange, dazu die Bildüberschrift: Der Schlangen Biss dem Volk macht Pang, Moses hengt auf die ähern Schlang. Num. XXI“; unten – Simsons Kampf mit dem Löwen. Bildüberschrift: „Simson würgt einen Löwen Grim, nimpt ein Weib der Philistin. Sein Redzal rietens durch Betrug, drumb er dreisig Philister Schlug. Jud. XIV“. Auf dem rechten Flügel finden wir: oben – Isaaks Opferung, dazu die Bildüberschrift: „Abraham Gotes Geheis wolt thun und opffern seinen lieben Son. Got sicht sein gleubig Hertz und Wilen, lässt solch Opffer nicht erfüllen. Genesis XXII“; unten – Jakobs Kampf mit dem Engel. Dazu die Überschrift: „Jakob förcht seines Bruders Grim, ein Engel Gotes rang mit im. Hinkend ward er auf der Fahrt sein Namen im verwandelt ward. Genesis XXXII“.

Auf dem zugeklappten Flügelaltar sind dargestellt: links oben – Mose mit den beiden Gesetzestafeln. Dazu die Überschrift: „Verflucht sey wer nicht alle Wort dieses Gesetzeß erfüllt, dass er darnach thue. Deut.XXVII“; links unten – Christus mit der Weltkugel. Dazu die Bildüberschrift: “Kompt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken. Matthaei XI“; rechts oben – Johannes der Täufer. Bildüberschriften: „Sihe, dass ist Gotes Lamb, welches der Welt Sünde trägt. Johannes I.“; rechts unten – David mit der Harfe. Bildüberschrift: Lobe den Herren meine Seele und was in mir ist seinen Heiligen Namen.
Psalm 103“.



1.8.2.4. Orgel

Im Jahre 1666 gaben die Vorsteher und Kirchenältesten von Rohr bei einem Suhler Orgelbauer ein Orgelwerk mit zwei Bälgen in Auftrag. Die Kosten beliefen sich auf 196 Gulden, die vorwiegend aus einer Stiftung des ohne Erben verstorbenen Zimmermanns Philipp Amthor beglichen wurden. Am Sonntag Laetare, 17. März 1667, fand die Orgelweihe mit dem Organisten Heinrich Conrad Clemen aus Springstille statt. Die 59 Nachbarn (Haushaltungen) von Rohr mussten in einer besonderen Umlage das Vierteljahresgehalt des Organisten in Höhe von 6 Gulden aufbringen. „Orgelmacher“ aus Suhl, Kaltensundheim, Coburg und anderen Orten hatten ständige Reparaturen und Pflegearbeiten durchzuführen. Die heutige Orgel stammt aus dem Jahre 1914 und wurde von der Firma Rühlmann in Zörbig gefertigt. Der Preis betrug 7242 Mark. Der alte Prospekt mit den Figuren, Fruchtschnüren und ursprünglichen Pfeifen, sechs davon mit Gesichtern, blieb erhalten.

1965 wurde die Orgel von Meister Heinze, Stadtilm, in neun Registern umdisponiert und ein elektrisches Gebläse eingebaut.



1.8.2.5. Fensterempore und Kanzel

Die Empore vor den großen Fenstern auf der Südseite wurde 1730 vom Tischler Adam Bästlein eingezogen. Die Säulen dazu soll ein Soldat gedrechselt haben. Die Kanzel, die bis dahin an der Südseite hing, wurde über den Altar versetzt und in einen für den protestantischen Kirchenbau typischen Kanzelaltar einbezogen. Auf dem Schalldeckel der Kanzel steht ein Kruzifix. Das hölzerne Kreuz stammt von 1730, der Korpus aus dem 13.Jh.



1.8.2.6. Grabplatten

An der Südwand der Kirche unterhalb des Altarraumes stehen zwei Grabplatten, die ehemals auf zwei Gräbern verstorbener Rohrer Pastoren lagen. Die älteste ist aus Sandstein gefertigt, 177 cm hoch und 74 cm breit und trägt den Namen von Gregorius Dietrich, der von 1619-1634 in Rohr amtierte. Die andere ist aus Gusseisen, 145 cm hoch und 78 cm breit und trägt den Namen von Johann Georg Eck, dessen Amtszeit in Rohr von 1710-1728 währte. Die beiden Platten wurden 1936 unter dem vorderen Gestühl hervorgeholt und aufgestellt.



1.8.2.7. Krypta

Der baulich unveränderte Teil der ehemaligen karolingischen Klosterkirche ist die Krypta, die alljährlich den Anziehungspunkt vieler Touristen aus aller Welt bildet. Dieser alte Raum wurde erst um 1900 wiederentdeckt und durch die Bemühungen des Lehrers Eduard Görbing vom Bauschutt geräumt und unter einer Falltür auf der Nordseite des Altarraumes wieder zugängig gemacht. Der ursprüngliche Zugang in diese Unterkirche erfolgte über je eine Treppe aus dem südlichen und nördlichen Querhaus der karolingischen Kreuzkirche.
Abgesehen von Heinrich Bergners Darstellung57) erschien erst nach dem zweiten Weltkrieg die erste Fachliteratur und mit ihr die Diskussion, ob diese Krypta baugeschichtlich in das 9. oder 10. Jh. einzuordnen sei.58)
Im Zuge der Renovierungsarbeiten 1961/62 und den  nachfolgenden Untersuchungen Gerhard Leopolds  im Auftrag des Institutes für Denkmalpflege, Arbeitsstelle Halle, 1983/84, kam endlich Klarheit in die Entstehungs- und Baugeschichte der Krypta. Sie ist baugeschichtlich in die Karolingerzeit einzuordnen und bildet einen Mischtyp von Ring- und Hallenkrypta, wie er im 9. Jh. auch an anderen Orten vorhanden ist. Die älteste Form einer Krypta ist die eines Umganges in Hufeisenform unter der Apsis der Kirche. Grabungsfunde nach dem zweiten Weltkrieg haben bestätigt, dass man im Frankenreich des 9. Jh. Hallenkrypten angelegt hat. So u. a. in der Klosterkirche St. Gallen (zwischen 830 und 837) und im Kloster San Salvatore in Brescia. In der St. Luidger - Krypta in Werden a. d. Ruhr (840/48) war der Vierpfeilertyp wie in Rohr vorhanden. Die Rohrer Hallenkrypta wird von einem Halbrund umgeben, das nach Osten durch drei Nischen unterbrochen wird. Die nördliche und südliche Nische der Ostwand ist fast dreiviertelrund, die mittlere hingegen platt. Senkrechte Baufugen weisen noch heute darauf hin, dass es sich bei dieser mittleren Nische um eine spätere Vermauerung handelt. Über den beiden Rundnischen befinden sich je eine Kuppelwölbung, die in die Ringtonne einschneidet. Die monolitischen Fenster dieser Nischen haben ihre engste Stelle in der Wandmitte und öffnen sich nach innen und außen trichterförmig. In der mittleren und südlichen Nische wurden 1961 durch die von Leopold durchgeführten Grabungen Fundamente zweier Altäre gefunden, der Hauptaltar in der mittleren Nische ist rekonstruiert und wieder aufgemauert worden. Die Wände und auch die vier Pfeiler der Krypta gehen absatzlos ohne Kämpfer ins Gewölbe über. Nur die Pfeilerfüße weisen reiche Profilierung auf. Außerdem besitzen die vier Pfeiler an ihren zur Raummitte gerichteten Kanten lotrechte Ausklinkungen, die darauf hinweisen, dass dort Schranken eingegriffen haben, die den Raum zwischen den Pfeilern einfassten. Vermutlich war an dieser Stelle der Reliquienschrein aufgestellt. Die von Leopold und einer Gruppe  jüngerer Archäologen durchgeführten Grabungen von 1983 erschlossen nun östlich der Krypta, hinter dem Hauptaltar, die Fundamente eines kleinen, tonnengewölbten Nebenraumes, dessen Fußboden um zwei Stufen höher lag als das Fundament der Krypta. Dadurch reduzierte sich die Scheitelhöhe dieses Raumes auf 1,95 m, bot aber mit seinen Innenmaßen von 2,24 m Breite und 2,70m Länge Platz für die beiden Sarkophage der Stifter Christian und Heilwich. Leopold sieht die auffällige Übereinstimmung der Rohrer Situation mit der Krypta der Kirche in Werden a. d. Ruhr. An der Unregelmäßigkeit der Innenwände erkennt Leopold ältere Wandteile, die ursprünglich das Fundament für eine Apsis bildeten. Von daher vermutet er, dass die Krypta erst später zusammen mit der Grabkammer eingebaut wurde und zwar auf Betreiben des Stifters, der bemüht war, „für sich und seine Gemahlin eine angemessene Grablege vorzubereiten. Er ließ anstelle der Apsis sein neues Sanktuarium errichten, eine Krypta einbauen und zwischen den vier Pfeilern in einem besonderen Behältnis Reliquien deponieren, die er möglicherweise dafür erworben hatte.59)Dieser Einbau erfolgte vermutlich im dritten Viertel des 9. Jh., vor dem Tode Christians im Jahre 871.

Die heutige Treppe zur Krypta an der Nordwand des Altarraumes wurde 1961 eingezogen. Aus dieser Zeit stammen auch die Sandsteinplatten des Fußbodens, die den alten Estrich ersetzen. Das Friedhofsgelände südlich und östlich der Krypta wurde 1984 auf die alte Höhe abgetragen, wodurch der Raum trockener und vor allem heller geworden ist.



1.8.2.8. Kirchturm und Glocken 

Über der Krypta und dem Chorraum erhebt sich der Kirchturm, der in seinem massiven Unterteil noch aus der karolingischen Zeit stammt. Wie oben bereits erwähnt, wurden 1571 Simon Dill und ein Zeugmeister beauftragt, den bis dahin bestehenden Turm abzubrechen und einen neuen zu bauen. Dieser Abbruch und Neubau bezog sich wohl nur auf den oberen Teil und den Dachstuhl. Der ursprünglich kleinere Turm wurde in Fachwerkausführung erhöht und mit einem geschwungenen Satteldach gedeckt. Hier nun wurde die Glockenstube eingerichtet und eine Schlaguhr eingebaut. Sowohl das Geläut der Glocke als auch das Zifferblatt der Uhr sollten besser gehört bzw. gesehen werden. Außerdem diente diese Turmstube als Deponie für das Pulver evtl. auch für die Gewehre der Schützen. In den Rechnungen lesen wir immer wieder wie z. B. 1585: „6 Groschen für 1 Pfund Pulver auf dem Kirchturm.“ In der Glockenstube hängen heute drei Glocken. Die kleine ist zugleich die älteste und stammt aus dem Jahre 1623. Sie hat einen Durchmesser von 71 cm und ein Gewicht von 250 kg. Auf dem Hals trägt sie die Inschrift: „M. Moeringk in Erfurt gos mich anno MDCXXIII.“ Und am Schlag der Glocke ist zu lesen: „Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“ Die mittlere Glocke wurde im Jahre 1630 gegossen und hat einen Durchmesser von 86 cm und ein Gewicht von 400 kg. Sie trägt die lateinische Inschrift: „Gegossen zur Jahrhundertfeier der Augsburgischen Konfession.“ Darunter das Prophetenwort: „Kommt, lasst uns auf den Berg des Herrn gehen, zum Hause des Gottes Jakobs, dass er uns lehre seine Wege und wir wandeln auf seinen Steigen. (Jes. 2, 3)“. Die Glocke wurde nach einer weiteren Inschrift von Claude Brochard gegossen, der zu den umherziehenden Glockengießern aus Lothringen gehörte, die mit geringen Mitteln gute Glocken gossen. Die große Glocke hat von jeher ein wechselhaftes Schicksal gehabt. In der Kirchenchronik steht unter 1852: „Beim Osterläuten zersprang die große Glocke, welche aus der Mitte des 16. Jahrhunderts stammte und unter einem Kostenaufwand von mehr als 200 Gulden neu gegossen werden musste. Den Umguß besorgte der Glockengießer Ulrich aus Apolda, doch nicht zu gänzlicher Zufriedenheit der Gemeinde, da der Ton zu tief ausgefallen war.“ Im ersten Weltkrieg ereilte diese Glocke ihr trauriges Schicksal. Wieder lesen wir in der Chronik: „Unter den schmerzlichen Tagen des Krieges ist unserer Gemeinde der 26. Juli 1917 unvergeßlich. An diesem Tage war die große Glocke durch den Schmiedemeister Ernst Otto auf dem Turm in Stücke zerschlagen. Am Abend des 25. Juli hat sie zum Letzten Mal geläutet. Bei dem schrillen Ton, mit dem sie zersprang, ist manches Auge feucht geworden.“ Nach Beendigung des Krieges war die Gemeinde genötigt, eine neue Glocke anzuschaffen. Am 1. Oktober 1922 wurde die von der Firma Schilling und Lattermann für den Preis von 68 244 Mark hergestellte 1100 kg schwere Stahlglocke geweiht und in den Dienst genommen. Sie hat einen Durchmesser von 130 cm und trägt dieselbe Inschrift wie die alte: „1922 + Gott segne Rohr + Mein Mund soll des Herren Lob sagen. Ps.145,21.“ Und in der Chronik lesen wir zu diesem Ereignis: „Denkwürdig bleibt der Tag der Glockenweihe. Denn in ihrem schlichten Eisenkleide ist die Glocke an Stelle der Bronzeglocke ein Zeichen der Armut unseres Volkes und der Teuerung unserer Zeit.“ Die beiden kleinen Bronzeglocken wurden im zweiten Weltkrieg beschlagnahmt und am 30. 4. 1942 abtransportiert. Sie blieben vor dem Schmelzofen bewahrt und kehrten im Oktober 1947 aus Ilsenburg zurück. Seit 1963 werden alle drei Glocken durch eine elektrische Läuteanlage bewegt.



1.9. Zusammenfassung

Die Michaeliskirche in Rohr ist eine der interessantesten Dorfkirchen in Thüringen. Sie wurde als Benediktiner-Kloster-Kirche in den Jahren zwischen 815 und 824 gebaut. Als das Kloster um 900 einging, diente sie weiter als Pfalzkirche der villa regia, der königlichen Pfalz, die bis zu Beginn des 11. Jh. in Rohr bestand. Erst in der nachreformatorischen Zeit bis zum Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges (1618) wurde die Michaeliskirche in die Dorfkirche verwandelt, wie wir sie noch heute vorfinden. Im Sturz der westlichen Eingangstür lesen wir die Jahreszahl 1618 und dazu steht im Kirchenbuch: „Im Jahre 1618 ist die heutige Gestalt der Kirche entstanden, nachdem ziemlich viel abgerissen wurde.“ Trotz der baulichen Veränderungen ist das Kirchenschiff mit der Krypta der einzige Monumentalbau auf dem Gebiet der DDR, der weitgehend aus karolingischer Zeit stammt. (Leopold, G. In: ADN-Meldung vom 9. 9. 1983)

Damit besitzt der kleine Ort Rohr „eine architekturgeschichtliche Kostbarkeit von internationaler und nationaler Bedeutung“. (Zießler, R.: Die Michaeliskirche in Rohr. In: Almanach für Kunst und Kultur im Bezirk Suhl, Heft 6, 1986, S. 43).